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Netzwerken im Interkulturellen Frauenwirtschaftszentrum – Gespräch mit Lioubov Kuchenbecker

Lioubov Kuchenbecker leitet das interkulturelle Frauenwirtschaftszentum „Lerche 28“ in Hamburg. In Deutschland gibt es insgesamt 17 solcher Gründerzentren.  Das Besondere am Zentrum in Hamburg: Die Gründerinnen stammen aus der ganzen Welt. Ziel ist ein interkultureller Austausch und die Vernetzung in der Gründungsphase.

Wie viele Gründerinnen arbeiten im Moment im Frauenwirtschaftszentrum?
Momentan sind es bei uns 16 Unternehmerinnen. Da hat es aber auch schon Wechsel gegeben, einige Frauen sind ausgezogen, dafür haben wir neue Gründerinnen aufgenommen.

Wie lange bleiben die Unternehmerinnen durchschnittlich?
Die meisten wollen so lange wie möglich bleiben. Maximal gehen aber drei Jahre. Wir hatten das bis jetzt erst  in einem Fall, dass eine Gründerin von Anfang wusste, dass sie nur drei Monate bleiben will. Die hat noch während des Studiums eine Agentur für Bio-Mode gegründet. Zwei Mieterinnen ziehen jetzt zum Beispiel nach sechs Monaten aus. Die eine will ihr Büro vergrößern. Die andere ist freie Journalistin und hat ihren größten Auftraggeber verloren. Für sie war es natürlich super, dass es bei uns eine kurze Kündigungsfrist von vier Wochen gib.

Warum ist es wichtig, dass man als Gründer ein eigenes Büro hat und nicht z.B. von zu Hause arbeitet?
Zum einen ist das eine Frage der Professionalität. Für Frauen, die Kinder haben und Familie und Beruf vereinbaren müssen, ist ein Büro sehr wichtig. Wir hatten zum Beispiel eine Spanisch-Übersetzerin, die zwei kleine Kinder hat. Für sie war das Büro ein Ort, an dem sie sich voll auf ihre Arbeit konzentrieren konnte. Sie hat gesagt, dass sie hier nicht an Wäschewaschen, Essen kochen oder den Haushalt denken musste. Manchmal hat sie von zu Hause aus gearbeitet und hat dann gesagt: „Ich bin froh, dass ich wieder hier bin“. Weil: zu Hause kann man nicht abschalten. Man ist immer abgelenkt. Und auch Kundengespräche mit Kinderschreien im Hintergrund sind nicht so gut.  Wichtig ist vielen auch, dass sie Kunden einladen können und dafür repräsentative Räumlichkeiten haben. Und man hat hier Zugang zu Infrastruktur und zu Vernetzung. Ich kann zu den anderen Unternehmerinnen gehen und mich austauschen.

Gründen Frauen anders als Männer?
Es gibt eine Studie von der KfW, die sagt, dass sich Männer und Frauen vom Gründungsverhalten her nicht unterscheiden, wenn man gleiche Gründungsvorhaben betrachtet. Grundsätzlich wird oft gesagt, dass Frauen kleiner gründen, sogenannte Kleinstgründungen. Sie gründen also ein Unternehmen für sich selbst. Dementsprechend haben sie weniger Personal und auch weniger Kapitalbedarf. Und auch die Branchen sind anders, das sieht man auch an den Unternehmerinnen, die hier ansässig sind. Frauen haben viele beratende Tätigkeiten, zum Beispiel als Coaches. Sie gründen aber auch viel im Gesundheitsbereich, etwa Wellness oder auch Weiterbildung. Bei uns spiegelt es sich so ein bisschen wieder, dass Frauen eher im Dienstleistungsbereich tätig sind. Aber das kann man auf keinen Fall pauschalisieren. Das hängt bei uns auch mit den vorhandenen Räumlichkeiten zusammen.

Warum gründen so wenige Frauen ein eigenes Unternehmen?
Prozentual gründen Frauen wirklich weniger als Männer. Das liegt am Rollenverständnis und Werdegang der Frau, verbunden auch mit dem Rollenbild. Wir haben bei uns im Zentrum auch viele Frauen, die über 40 sind und erst jetzt gegründet haben. Weil sie sich gesagt haben, dass sie jetzt Berufserfahrung gesammelt haben oder die Kinder groß sind und sie jetzt etwas Neues starten wollen. Wir wollen aber auch bewusst Studentinnen an das Thema Selbstständigkeit heranführen. Ihnen die Möglichkeiten aufzeigen und auch zeigen, dass man damit besser verdienen kann, als in einer abhängigen Beschäftigung.


Über das Interkulturelle Frauenwirtschaftszentrum
In der „Lerche 28“ gibt es insgesamt 15 Büros, das kleinste kostet 290 Euro im Monat. Es wird betrieben vom Verein „Unternehmer ohne Grenzen“ und entstand im März 2011 auf Initiative der ehemaligen Behörde für Wirtschaft und Arbeit der Stadt Hamburg. Mieterinnen haben Zugang zu technischer Infrastruktur, etwa Drucker, Kopierer und Faxgerät, und können Seminarräume nutzen.

Das Interview wurde geführt von Jannick Schwender. Mehr über den Verein „Unternehmer ohne Grenzen“ gibt es auf seinem lesenswerten Blog GlobusHamburg.

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Ordnung Pur: „Aufräumen liegt mir im Blut“

„Die kleine Firma für perfekte Ordnung“, wie Malgorzata Löffler auf ihren Flyern schreibt, ist spezialisiert aufs Aufräumen aller Art. Kleiderschränke, Küchen und sogar ganze Wohnungen sind kein Problem für die Gründerin.

„Wenn ich einen unaufgeräumten Raum sehe, dann habe ich sofort eine Vision, wie es später aussehen wird“, sagt Malgorzata Löffler, Gründerin von „Ordnung Pur„. Andere Leute würden verzweifeln, weil man vor lauter Chaos den Boden kaum sieht. „Für mich ist das eine Herausforderung“.

Malgorzata Löffler, Gründerin von "Ordnung Pur". Foto: privat

Eine Herausforderung war auch die Unternehmensgründung für Malgorzata. Sie stammt aus Polen und war dort Bürokauffrau. Weil ihr Berufsabschluss in Deutschland aber nicht anerkannt wurde, hat sie in Hamburg keinen Job gefunden, der ihr wirklich Spaß macht. Bei ihrem letzten Job kam ihr dann die Idee für ihr eigenes Unternehmen. „Es hat mich geärgert, dass alle Ablagen, Schreibtische und Schränke so schrecklich unordentlich waren“. Sie hat sich im Büro ausgetobt und war beeindruckt vom Resultat. Die Idee für „Ordnung Pur“ war geboren. Seit 2009 ist sie selbstständig.

Büros räumt sie heute zwar auch noch ab und zu auf, viel spannender findet sie aber Privathaushalte. Ob Speisekammern, Keller oder Wohnzimmer – Malgorzata schreckt vor fast nichts zurück. Große Unordnung reizt sich mehr als das kleine Chaos. Für eine Kundin hat sie fünf Stunden lang einen großen Kleiderschrank aufgeräumt, andere leben regelrecht im Chaos. „Am Anfang hatte ich etwas Angst vor Messie-Wohnungen“, gibt sie zu. Mittlerweile hatte sie vier Einsätze in messie-ähnlichen Wohnungen. „Diese Menschen brauchen wirklich Hilfe, sie kommen mit ihren Problemen nicht mehr allein zurecht“. Es gehe nicht nur ums äußerliche Aufräumen, sondern auch Kommunikation und ein offenes Ohr. Aber sie sagt auch: „Ich bin keine Therapeutin“.

„Ich dachte, dass mein Unternehmen schnell besser laufen würde“

Malgorzata arbeitet nie allein, aufräumen bei fremden Menschen sei Teamarbeit. Und Schwerstarbeit für die meisten Menschen noch dazu. „Meine Kunden müssen sich auf einmal mit Dingen auseinandersetzten, die möglichweise seit Jahren in der Ecke lagen und an denen Erinnerungen hängen“. Viele fühlten sich überfordert. Deshalb dauere ein Einsatz auch maximal vier Stunden. „Mehr halten die meisten Menschen nicht aus“.

Ihr ist es wichtig, dass ihre Kunden jeden Schritt nachvollziehen. Ein Mann habe sie gerufen, weil er einfach keine Ordnung in seine Küchenschränke bekomme, obwohl der Rest der Wohnung sehr aufgeräumt sei. „Wir haben die Schränke gemeinsam eingeräumt, damit er weiß, warum ich zum Beispiel die Gewürze in die eine Ecke und Medikamente in den anderen Schrank stelle“.

Malgorzata Löffler bei der Arbeit. Foto: privat

Seit der Gründung in 2009 hat sich bei „Ordnung pur“ einiges getan. Beim ersten großen Auftrag sei sie sehr optimistisch gewesen, sagt die Gründerin. Als danach dann zunächst nur kleine Projekte kamen, war sie  enttäuscht. „Ich dachte, dass mein Unternehmen viel schnell besser laufen würde“. Letzten Sommer war sie kurz davor, alles hinzuschmeißen. Sie hat sich Rat bei anderen Gründern geholt und durchgehalten. Heute ist sie ganz zufrieden, aber immer auf der Suche nach neuen Aufträgen. Sie macht viel Werbung und hofft, dass ihre Stammkunden von den guten Erfahrungen mit ihr berichten. „Mir macht es einfach Spaß mit Räumen zu arbeiten, sie zu gestalten und meiner Fantasie freien Lauf zu lassen.“ Einen anderen Job kann sie sich nicht vorstellen: „Mir liegt das Aufräumen im Blut“.

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Studie über Gründer-Persönlichkeiten

Zwei Wissenschaftler der Universität Hohenheim haben nach dunklen Persönlichkeitseigenschaften von Gründern gesucht. Sie fanden, dass Gründer meist als flexibel, kreativ und leistungsstark dargestellt werden und haben nach Gegenbeispielen gesucht. Herausgekommen ist eine „dunkle Tirade der Persönlichkeit“, die laut Matthias Kramer und Dominik Schwarzinger eine Existenzgründung begünstigt.

Ein interessantes Interview zur Studie gibt es hier.

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Interview mit Gründercoach Christian Droste

Christian Droste ist Gründercoach in Hamburg und berät Start Ups vor und während der Gründungsphase. Er ist Vorsitzender des Vereins Gründerstadt Hamburg, einem Netzwerk für Existenzgründer in der Hansestadt.

 

Was ist für Sie eine gute Gründungsidee?

Zu allererst muss mich eine Idee begeistern. Wenn ich mich schon nicht für eine Idee begeistern kann, dann können das mögliche Kunden oder Finanzpartner wahrscheinlich auch nicht und sie wird kaum Erfolg haben. Grundsätzlich muss der Gründer für seine Idee brennen und mich mitreißen können.

Zum Beispiel?

Gerade berate ich eine Taschendesignerin. Ihre Taschen gefallen mir wirklich gut, ich glaube, dass sie damit auf Dauer Erfolg haben kann.

Muss es denn immer eine bahnbrechende Idee für ein Unternehmen sein?

Nein, es gibt keine einzigartigen Ideen. Fast alles würde von irgendjemandem schon einmal umgesetzt. Das heißt aber nicht, dass die Idee nicht trotzdem erfolgreich sein kann. Ich muss mein Angebot vielleicht einfach nur mit anderen Angeboten verknüpfen.

Was hat denn kaum Aussicht auf Erfolg?

Das ist schwierig zu sagen. Ich schmettere keine Ideen einfach so ab. Wenn mich jemand kontaktiert, dann treffe ich mich auf jeden Fall mit der Person.

Aber was begeistert Sie denn gar nicht?

Zum Beispiel Lieferservice für Lebensmittel. Ich bin der Meinung, dass sich das einfach nicht rechnet, wenn ich eine Tüte Milch ausliefere. Wenn Menschen mit dieser Idee zu mir kommen, dann bleibt es bei einem einzelnen Treffen. Auch Menschen, die nur aus einem Mangel an Alternativen gründen, haben bei mir keine Chance.

Warum wenden sich Gründer an Sie?

Viele, weil sie mit dem bürokratischen Aufwand oder etwa der Buchhaltung überfordert sind. Die Designerin entwirft zum Beispiel richtig tolle Taschen, von Buchhaltung versteht sie aber nicht viel. Ich halte den Gründern den Rücken frei.

Wie ist denn die Gründerszene in Hamburg?

Nach Berlin finden in Deutschland die meisten Existenzgründungen in Hamburg statt. Dass Hamburg eine Medienstadt ist, zeigt sich auch bei den Gründungen. Viele Fotografen, Grafiker und Designer machen sich hier selbstständig. 90 Prozent der Gründungen, die ich begleitet habe, waren im Dienstleistungssektor. Ich habe auch schon mehrere „Personal Coaches“ betreut, das hat mich überrascht.

Wie stehen die Erfolgschancen für Existenzgründer?

Von 100 Gründern haben vielleicht eins bis zwei das Potenzial, durch die Decke zu gehen. Die anderen Unternehmen mögen zwar auf Dauer bestehen, aber sie werden nicht richtig groß.  Ich glaube, dass Risikobereitschaft dabei ein entscheidender Faktor ist. Wenn ich eine Vision habe und von meiner Idee überzeugt bin, dann gehe ich dafür auch Risiken ein.

 

 

 

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